Bei diesem Tschechow ist Berlin auch keine Lösung

„Drei Schwestern“: Simon Stones Hit-Variante von Tschechows Stück hatte im Resi Münchner Premiere

Dieser Inszenierung geht bereits ein solcher Ruf voraus, dass man eigentlich nicht mehr viel über sie zu sagen braucht – so viele positive, enthusiastische Kritiken gab es schon zu Simon Stones Variante von Tschechows „Drei Schwestern“. Am Theater Basel war im Dezember 2016 Premiere, Stones auf Aktualität getrimmte Neu-Fassung wurde von dem Magazin „Theater heute“ zum „Stück des Jahres 2017“ gekürt, und der Abend gehörte zum Reigen der zehn Besten beim Berliner Theatertreffen 2017.

Andreas Beck, vor kurzem noch Intendant in Basel und jetzt Chef am Bayerischen Staatsschauspiel, hat natürlich diesen Hit aus der Schweiz mitgebracht, und ja, das Ensemble, das jetzt auf der Bühne des Residenztheaters steht, ist wunderbar eingespielt. So flutscht der Abend jetzt auch in München, dauert zwar zweieinhalb Stunden (inklusive Pause), aber kommt einem kürzer vor und hat was von einer Mini-Serie, die man in einer Bingewatching-Session mühelos durchschauen kann.

Geisteswissenschaft und Neo-Hippies im Hier und Jetzt

Es ist, auch fast drei Jahren nach der Basler Premiere, ein Stück auf der Höhe der Zeit, mit Dialogen, die so wirken, als hätten Stone und sein Team in eine Hipster-WG hineingelauscht und den Alltagsjargon der zwanzig- bis Mitte dreißigjährigen Bewohner auf die Bühne verpflanzt. Es geht direkt und schimpfwortsatt zu; ein „Fuck you“ sagt mehr als tausend verhärmte Worte. In diesem Biotop der Geisteswissenschaftlerinnen und drogenumnebelten Neo-Hippies werden Konflikte verhandelt, die von einem stark ausgeprägten Narzissmus rühren. Das Ich ist high, der US-Präsident heißt Trump.

Bei Tschechow war das Selbstverwirklichungsunglück schon angelegt, wobei es zu seinen Zeiten – die „Drei Schwestern“ wurden 1901 uraufgeführt – eine Umwelt gab, die der Wunscherfüllung im Wege stand. Fühlten die Schwestern sich einst zum Magnetpunkt Moskau hingezogen, so können sie jetzt locker durch die Welt jetten. Irina (Liliane Amuat) geht zum Beispiel nach Berlin, nur um – manchen Münchner mag‘s freuen – von der angeblichen Kreativhochburg total enttäuscht zurückzukehren.

Sehnsuchtsorte kommen vor: Brooklyn, New York, oder das Silicon Valley

Weitere Sehnsuchtsorte kommen vor, Brooklyn, New York, oder das Silicon Valley, wo der einzige Bruder der drei Schwestern, der drogen- und spielsüchtige ITler Andrej (Nicola Mastroberardino), gerne arbeiten würde. Dabei hat Bühnenbildnerin Lizzi Clachan doch ein recht schickes Refugium eingerichtet: ein Ferienhaus mit zwei Stockwerken plus Zwischenstock, heimelig dank ganz viel Holz und transparent dank einiger Glasfassaden, durch die das Publikum hineinspicken kann. Die Bewohner dieses Wohlstands-Terrariums sind jedoch sowieso gläserne, da offenherzige Menschen.

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