‘Die Walküre’ in der Staatsoper: Wie schön ist doch die Musik

München – Das Bayerische Staatsorchester wurde beim Betreten der Bühne mit stehendem Applaus begrüßt. Dann sprach der scheidende Intendant Nikolaus Bachler von einem “fast historischen Moment” in der 350-jährigen Geschichte der Institution, die er noch bis zum Ende der Spielzeit leiten wird. Nichts könne den Zuschauerraum in Verbindung mit der Bühne ersetzen. “Und wenn sich die Tore des Theaters öffnen, öffnen sich auch die Herzen, Gedanken und Sinne”, so Bachler.

Der Hausherr lobte auch gleich noch die “fast ihresgleichen suchende” Besetzung des konzertant aufgeführten ersten Aufzugs von Richard Wagners “Die Walküre”. Und so sehr solcher Panegyrik misstraut werden sollte, und bei aller gebotenen Vorsicht angesichts der hochgespannten Erwartungen nach einem halben Jahr Pause: Bachler behielt recht.

Jonas Kaufmann ideal als Siegmund

Besser lassen sich die drei Rollen dieses Akts im Moment nicht besetzen. Und selbst wer sich noch an die heroischen Zeiten des Wagner-Gesangs vor 50 oder 60 Jahren erinnert, dem dürften kaum bessere Vertreter der Rollen des Siegmund, der Sieglinde und des Hunding einfallen, die nicht nur mit Spitzentönen prunken, sondern auch das Drama zur Wirkung bringen.

Jonas Kaufmann ist mit seinem baritonalen Heldentenor ideal für die vergleichsweise tief liegende Partie des Siegmund. Die Pause hat ihm gut getan, die zuletzt immer wieder hörbaren Kratzer in der Stimme sind verschwunden. Als Interpret ist der Münchner stark wie eh und je: Seine “Wälse”-Rufe erschüttern im großen Raum des Nationaltheaters das Zwerchfell des Zuhörers und sind doch Ausdruck existenzieller Verlassenheit. Gleich am Anfang, als Siegmund davon spricht, “die Sonne” lache ihm nun neu, blitzt in der Färbung der Stimme eine erste Verliebtheit in Sieglinde auf, und auch später, etwa bei den “Winterstürmen” nimmt sich Kaufmann immer wieder lyrisch zurück.

Lesen Sie auch

“Schuberts Reise nach Atzenbrugg”: Künstlers Liebesleid

Lesen Sie auch

“Spielzeit”: Wunderbar zerstückelt

Mindestens genauso gut und stark singt auch Lise Davidsen. Sie flutet den Raum mit trompetenhaften Spitzentönen, wie sie schon lange aus der Kehle einer Sopranistin nicht mehr erklungen sind. Aber die Norwegerin kann auch sehr lyrisch und liedhaft werden, mit einer hohen Textverständlichkeit, die Vertreterinnen ihres Fachs nicht immer gegeben ist. Und sie weiß wie Kaufmann, dass laute Töne noch mehr Effekt machen, wenn zwischenzeitlich auch einmal gedämpft gesungen wird.

Georg Zeppenfelds Bass ist in seiner Schwärze als Hunding perfekt, Asher Fisch fand mit dem sehr opulent und farbig spielenden Bayerischen Staatsorchester einen idealen Mittelweg zwischen sängerfreundlicher Begleitung und hitziger, vorwärtsdrängender Dramatik. Am Ende gab es – fast möchte man sagen: naturgemäß – heftige Ovationen. Dann fiel der Vorgang, und als er sich wieder öffnete, begleitete Fisch noch am Klavier drei Zugaben. Kaufmann wählte die “Träume” aus Wagners “Wesendonck-Liedern”, Lise Davidsen sang ein Frühlingslied von Edvard Grieg, Zeppenfeld verabschiedete sich mit Richard Strauss und den abgewandelten Worten des Morosus (“Die schweigsame Frau”): “Wie schön ist doch die Musik – aber wie schön erst in diesen Zeiten.”

Publikum wäre sich gerne in den Armen gelegen

Da wollte keiner widersprechen. Hätte die Etikette es nicht verboten, wäre sich das Publikum zuletzt noch in den Armen gelegen. Vom Besuch weiterer Vorstellungen möge sich in den nächsten Wochen niemand durch die Umstände abhalten lassen: Tests sind in der Innenstadt für Einheimische kostenlos, schnell und problemlos aufzutreiben. Und der Einlass ins Nationaltheater erfolgt fast wie gewohnt.

Für die Wiederholung am Sonntag, 19 Uhr, gibt es noch einige Restkarten. Das Video-on-demand kann für 9,90 Euro auf der Homepage der Staatsoper abgerufen werden

Quelle: Lesen Sie Vollen Artikel