Dieter Dorn wird 85: Dompteur der Raubtiere

München – Matthias Lilienthal wollte nicht mehr, obwohl die Stadt ihm 2018 die Verlängerung seiner Amtszeit als Intendant der Kammerspiele angeboten hatte. Die Nörgeleien von Publikum und Teilen der Medien an dem, was auf seinen Bühnen passierte, hatte er satt.

Ehemaliger Kammerspiele-Chef Dieter Dorn

Dieter Dorn wollte 2001 unbedingt den Job behalten, aber der damalige Kulturreferent Julian Nida-Rümelin hielt an seinem Plan fest, die Nachfolge Dieter Dorns als Kammerspiele-Chef mit Frank Baumbauer zu besetzen. Der aber machte nur mit, wenn er jetzt oder nie von Hamburg nach München wechseln könne. Dorns nachfolgende Beschimpfung Nida-Rümelins als das “bestangezogene Stück Seife der Stadt” ist ebenso legendär wie viele seiner Inszenierungen sowohl im Schauspiel als auch in der Oper.

Dorns Inszenierungen erschreckten Konservative

Am Samstag wird der aus Leipzig stammende Theatermacher 85 Jahre alt. Eine seiner letzten Inszenierung für die Sprechbühne war 2016 “Endspiel” von Samuel Beckett bei den Salzburger Festspielen. Es war auch ein letztes Aufbäumen des “Regietheaters”, wie wir es aus den späten 1960er-Jahren kennen. Peter Stein, Claus Peymann oder eben auch Dieter Dorn erschreckten Konservative oder begeisterten die Aufmüpfigen jener um Veränderungen in allen Lebensbereichen ringenden Zeit mit dem genauen Hinlesen bei dramatischen Texten.

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Längst sind wir wieder in einer ähnlichen Phase des Umbruchs, in denen so etwas wie “Werktreue” ein Fall fürs Theatermuseum geworden ist. Die rund eineinhalb Jahrzehnte zwischen dem Wechsel Dorns von rechts der Maximilianstraße zum schräg gegenüber liegenden Residenztheater und den fünf Jahren Lilienthal an den Kammerspielen brachten ein anderes Verständnis von Schauspielkunst. “Die Sprache wird nicht gehütet, sondern zurechtgeschnitten und gestutzt”, stellte Dorn bei einem AZ-Gespräch zu seinem 80. Geburtstag fest. Und weiter: “Man fleddert den Autor, nimmt nur das, was man für aktuell hält”.

Theaterensemble als verschworene Truppe

Es ist aber nicht nur der lässige Umgang mit dem geschriebenen Wort, der sich stark veränderte, sondern auch die Struktur. Lilienthal gehört zur Generation der nicht inszenierenden Theaterleiter, die eine mehr oder weniger offene Spielwiese für den allgemeinen urbanen Diskurs ebenso wie für eine internationale Künstlerschar anstreben. Die Kammerspiele sollten “die beste freie Theatergruppe” der Stadt werden. Dorn hingegen verstand ein Ensemble als eine verschworene Truppe von Schauspielerinnen und Schauspielern.

Als Dorn 1976 vom Berliner Schillertheater nach München wechselte, nahm er unter anderen Doris Schade, Gisela Stein, Thomas Holtzmann oder Helmut Griem mit. Sie sollten für lange Zeit das Gesicht der Münchner Kammerspiele prägen. 1983 stieg er vom Oberspielleiter zum Intendanten auf und erklärte sich zum “Dompteur” einer “gemischten Raubtiergruppe”.

Dieter Dorn: Theater ist “auch immer Mode”

Jetzt, mit 85, erklärt Dorn den Kulturkampf der Theaterformen als “absurd” und stellt salomonisch fest: “Das Theater hat so viele Wohnungen wie ein Hochhaus Fenster hat”. An anderer Stelle bekennt er sich dazu, dass Theater “auch immer Mode” sei: Es “muss immer heutig sein. Sie können das nicht hinhängen wie ein Bild. Es muss lesbar sein, am Abend vor den Zuschauern”.

Ganz am Beginn seiner Karriere im deutschsprachigen Theaterbetrieb steht das Theaterwissenschaftsstudium in seiner Heimatstadt. 1956 verließ er die DDR, schloss an der Max-Reinhardt-Schule in West-Berlin eine Schauspielausbildung ab und erhielt sein erstes Engagement in Hannover.

Schon damals arbeitete er auch als Dramaturg und Regisseur. Neben dem klassischen Repertoire mit Werken von Shakespeare, Goethe oder Schiller inszenierte er auch Dramatik der Gegenwart. Das betrifft vor allem Peter Handke, aber auch Botho Strauß – zwischen ihm in München und Luc Bondy in Berlin entfachte sich ein regelrechter Wettkampf um Uraufführungen von Werken des seinerzeit sehr produktiven und heftig diskutierten Strauß.

Keine Karten in den Kammerspielen

Wenn sich Münchner mit einer gewissen Verärgerung an die Dorn-Ära erinnern, dann, weil es grundsätzlich keine Karten gab. Monatelang musste man warten, bis die begehrten Tickets zugeteilt wurden. Dieser Andrang hat sich in den vergangenen Jahren stark abgekühlt, sofern es nicht um ein Gastspiel von Gerhard Polt und den Well-Brüdern aus dem Biermösl geht. Als der Kabarettist und die Anarcho-Blasmusikanten bei einer geplatzten Premiere von “Amphitryon” mit einer Show vor dem Eisernen Vorhang einsprangen, war das der Beginn einer wunderbaren Freundschaft, die alle Intendantenwechsel seither überstand. Unvergessen ist die Aufführung einer Sendung von Dieter Hildebrandts “Scheibenwischer” im Jahr 1986 in den Kammerspielen, die vom Bayerischen Rundfunk abgeschaltet worden war.

Dorns erste München-Erfahrung

Schon 1979 wurde das Musiktheater mehr als nur ein Spielbein. Sein Debüt als Opernregisseur gab er mit “Die Entführung aus dem Serail” in Wien. Mozarts Werk begleitete Dorn ebenso zuverlässig wie der heute 83-jährige Bühnenbildner Jürgen Rose. Sie galten über Jahrzehnte als kreatives Dreamteam. Zu den heimischen Meilensteinen gehört “Così fan tutte” in der Staatsoper. In Bayreuth realisierten sie den “Fliegenden Holländer”, in Genf den “Ring”, arbeiteten bei den Salzburger Festspielen ebenso wie an der Metropolitan Opera in New York.

Von seiner ersten München-Erfahrung bereits im Jahr 1961 erzählt Dorn in seiner Autobiografie “Spielt weiter” – und wie er sich bei einem Besuch der Wiesn fast wie zu Hause fühlte: “Ich holte mir ein Bier und etwas zu essen, kaufte mir die Abendzeitung und setzte mich an einen der blanken Tische im Freien”.

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