Kunstspaziergang: Augen auf rund um den Altstadtring

München – Mauro Stacciolis rostroter Ring ist so schön schief wie der Turm von Pisa, und man fragt sich ganz unwillkürlich, ob das 14 Tonnen schwere Rund nicht irgendwann kippen könnte. Doch es steht seit bald 25 Jahren fest verankert in der Erde und muss einiges erdulden. Schwärme von Tauben sonnen und erleichtern sich, aber der nächste Regen kommt bestimmt, und aus der Ferne, vom Hauptbahnhof herkommend, macht das Kunstwerk immer noch einiges her.

Um zum Lenbachplatz zu gelangen, geht man entlang der Elisenstraße durch den Alten Botanischen Garten, der 1812 von Ludwig von Sckell angelegt wurde. Man kann hier Münchner Geschichte Revue passieren lassen, leider nicht immer die angenehmste: Der imposante Glaspalast, der als Ausstellungsgebäude diente, brannte 1931 vollständig nieder und mit ihm mehr als 3.000 Gemälde von teils herausragenden Künstlern.

In der NS-Zeit wurde der Park dann nach Plänen von Paul Ludwig Troost, dem Architekten des ehemaligen “Hauses der Deutschen Kunst” umgestaltet. Der etwas plumpe Brunnenchef Neptun zeugt vom Zeitgeschmack, und Joseph Wackerle hatte auch noch den etwas größenwahnsinnigen Wunsch, Michelangelo mit dem nachzueifern. Der Mann war freilich nicht ohne Talent, mit nur 26 Jahren wurde Wackerle 1906 künstlerischer Leiter der Porzellanmanufaktur Nymphenburg.

Das frühklassizistische Eingangsportal des Portugiesen Joseph Emanuel von Herigoyen hat übrigens als einziges Bauwerk des Gartens sämtliche Kriege überdauert. Wahrscheinlich liegt’s an den vier stattlichen dorischen Säulen.

Prachtvolle Architektur der Maxburg

Adolf von Hildebrands Opus magnum wäre nun der nächste Höhepunkt, doch der Wittelsbacher Brunnen hat bereits den Wintermantel umgelegt. Deshalb geht es direkt zur Neuen Maxburg, die – man kann gar nicht genug schwärmen – zum Besten der Fünzigerjahre-Architektur zählt. Und nicht nur in der Landeshauptstadt.

Dass die Architekten Sep Ruf und Theo Pabst 1954 überhaupt loslegen konnte, ist ein kleines Wunder, denn zwischen den Traditionalisten, die die im Krieg zerstörte Alte Herzog-Max-Burg rekonstruieren wollten, und den “Modernen” gab es heftige Auseinandersetzungen. Fairerweise muss man sagen, dass Münchens Attraktivität nicht zuletzt am historischen Zentrum hängt. Doch die Mischung macht’s, und Rufs elegant leichtfüßiger Komplex aus verschieden hohen Baukörpern, einer durchaus strengen Rasterung, den offenen Treppenstrukturen und dem vorgelagerten Pavillon ist ein echter Wurf. Zumal der Renaissance-Turm, das einzige Relikt der alten Wittelsbacher Stadtresidenz fabelhaft integriert ist.

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Im Innenhof kann man die Hektik des Altstadtrings hinter sich lassen und Josef Henselmanns Mosesbrunnen – momentan ohne Wasser – gut inspizieren. Auch draußen regiert die Ästhetik der Zeit: in Mosaiken von Blasius Spreng und Wilhelm Braun und einem zum Abstrakten tendierenden Engelsrelief von Karl Knappe.

Günter Fruhtrunks Kunst an der U-Bahn

60 Jahre früher hat der Matthias Gasteiger das Brunnenbuberl geschaffen, das in der Fußgängerzone von einem Faun 365 Tage im Jahr nass gespritzt wird – selbst bei Minusgraden.

Geschützter sitzt an der Herzogspitalstraße 24 der “Große weibliche Torso” von Lothar Fischer, dem nicht ganz so wilden Mitglied der Gruppe Spur. Und wer einfach nur in Farben und Streifen schwelgen mag, blickt vis-à-vis auf Günter Fruhtrunks schlichtschöne Ummantelung eines U-Bahnschachts von 1971. Der skrupulöse Künstler, der die millionenfach verbreitete Aldi-Nord-Tüte entwarf, litt an schweren Kriegsverletzungen und war hoch depressiv. Die kraftvollen Streifenbilder erzählen nichts davon. Wie auch? Und seine Fassade passt gut zum Geist der Olympischen Spiele, mit denen in München eine neue Sonne aufging.

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