Live-Cam-Performance des Residenztheaters: Eine Frau, drei Rollen

München – Gerade in Zeiten der Pandemie und des globalen Klimawandels erscheint die Frage nach der Eigenverantwortung dringlich: Was ist die Aufgabe der anderen, was könnte man selbst tun?

Ein zeitloses, monologisches Stück

Die holländische Dramatikerin Lot Vekemans, deren Monologe “Schwester von” oder “Judas” auch in München aufgeführt wurden, verhandelt diese Frage in ihrem neuen Stück “Niemand wartet auf dich”. Auch wenn das erneut monologisch angelegte Werk noch vor Corona entstand, spricht es zeitlos ins Heute: Die 85-jährige Gerda beschließt, aktiv etwas gegen den Müll in ihrer Nachbarschaft zu unternehmen. Politikerin Ida tritt, als ihre Partei bei einer Wahl kläglich scheitert, zurück. Und eine Schauspielerin macht sich Gedanken darüber, was sie mit ihrem Schaffen eigentlich bewirken kann.

Juliane Köhler übernimmt alle Rollen

Alle drei Figuren sollen von einer Schauspielerin gespielt werden – eine Aufgabe, die Juliane Köhler nun in der deutschen Erstaufführung des Stücks übernimmt. Die Premiere der Live-Cam-Performance des Bayerischen Staatsschauspiels aus dem Marstall beginnt heute um 19 Uhr.

AZ: Frau Köhler, machen Monologe nicht ein bisschen Angst?
JULIANE KÖHLER: Empfinde ich nicht so. Ich bin jetzt seit 27 Jahren in München am Theater und habe hier am Resi zum Beispiel 1995 Irmgards Keuns “kunstseidenes Mädchen” oder später Schnitzlers “Fräulein Else” gespielt. Ich bin mit dieser Form vertraut und fühle mich darin wohl.

Aber es fehlt letztlich ein Anspielpartner, der vielleicht Sicherheit geben könnte.
Jetzt in dem Stück sind ja die Zuschauer meine Anspielpartner. Die alte Frau sitzt in einem Gemeindesaal und erklärt zehn anderen “älteren” Menschen ihre Haltung. Die Politikerin hält eine Pressekonferenz ab, bei der sie den Anwesenden ihren Rücktritt erklärt. Und die Schauspielerin spricht die Zuschauer direkt an und freut sich, im Theater immer ein Gegenüber vor sich zu haben.

Jetzt in Corona-Zeiten haben Sie nicht die Zuschauer, sondern eine Kamera vor der Nase.
Ja, im Idealfall spiele ich das Stück live im Theater, aber das ist nun mal derzeit nicht möglich. Wobei ich hoffe, dass wir es eines nicht allzu fernen Tages im Marstall vor körperlich anwesendem Publikum spielen können. Ich finde aber die Art und Weise, wie wir insgesamt am Haus mit digitalen Formen experimentieren, sehr interessant: Mein Kollege Florian Jahr spielt zum Beispiel in “Superspreader” vor dem Laptop und hat sein Publikum per Video-Konferenz zugeschaltet, kann also seine Zuschauer ständig beim Spielen sehen. In meinem Fall spiele ich direkt vor einer Kamera, die mich, mitsamt dem Kameramann, auf Schritt und Tritt durch den Marstall verfolgt. Die Zuschauer sehen mich per Live-Übertragung…

Sowohl Theater als auch Film

… aber Sie sehen das Publikum nicht. Es ist also im Grunde eine lange Plansequenz.
Ja, das ist für mich spannend, weil ich schon lange sowohl Theater mache als auch in Filmen spiele. Zum ersten Mal vereint sich beides für mich in einer ungewöhnlichen Mischform, das gefällt mir sehr. Und dass jemand direkt in die Kamera blickt, ist zwar nicht unbedingt neu…

… man kennt das zum Beispiel von Kevin Spacey in der Serie “House of Cards”…
…ja, aber dadurch wird die Live-Situation mit dem Publikum noch mal besonders intim und intensiv. Das ist für uns alle neu; auch der Theaterbeleuchter muss sich Kenntnisse aneignen, die eher mit Filmbeleuchtung zu tun haben.

Möglichkeiten, wie bei einer Video-Konferenz zu interagieren, ergeben sich nicht.
Doch, die ergeben sich schon, nach der Aufführung. Dann setze ich mich vor einen Computer und biete an, mit den Zuschauern über das Gesehene zu sprechen. Ich bin froh, dass ich dann mal wieder in Kontakt mit dem Publikum treten kann. Lieber hätte ich diesen Kontakt natürlich in unmittelbarer Nähe, aber es ist doch besser als gar nichts.

Juliane Köhler stellt sich nach der Aufführung den Fragen des Online-Publikums

Auf die Frage der Selbstverantwortung finden die drei Frauen im Stück ganz unterschiedliche Antworten: Während die ältere Dame zum Beispiel meint, dass ganz viele Dinge wie Hunger oder Krieg eher in der Hand Gottes liegen, fühlt sich die Schauspielerin selbst dafür verantwortlich.
Ja, daran erkennt man auch, dass es sich um unterschiedliche Generationen handelt. Die alte Frau hat den Krieg und das damit verbundene Gefühl der Ohnmacht als Kind selbst miterlebt; die Schauspielerin hingegen ist jünger und findet, dass wir alle gemeinsam etwas tun können, um zum Beispiel einen weiteren Krieg zu verhindern. Beide haben auf ihre Art Recht. Das finde ich auch schön an dem Stück, dass Lot Vekemans nicht wertet, sondern alle Positionen berechtigt erscheinen lässt.

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Der Stücktitel, “Niemand wartet auf dich”, zieht sich ebenfalls durch alle Positionen und kann ein Gefühl der Einsamkeit, aber auch Erleichterung auslösen: Es gibt keinen Druck, niemand wartet.
Ja, niemand weiß genau, was das eigentlich heißen soll: “Niemand wartet auf dich”. Es kann auch ein Ansporn sein, die Dinge selbst anzupacken. Die Schauspielerin träumt davon, dass vielleicht ein “Wir” entstehen kann, dass alle sich mitreißen lassen und gemeinsam an einem Strang ziehen.

Die ideale Politikerin?

Die Politikerin hingegen gibt zu, dass sie manchmal gar nicht weiß, wie ein Problem anzupacken ist.
Genau deshalb ist sie für mich eine ideale Politikerin. Sie stellt sich hin und gibt zu, dass sie oft nicht weiß, was als Nächstes zu tun ist. Das stört sie auch, dass sie immer so tun muss, als hätte sie für alles eine Antwort parat – was absolut verständlich ist! Ich glaube einfach keinem Politiker, der sagt, vertraut mir, ich weiß schon immer, wo es lang geht. Gerade jetzt hören wir täglich Neuigkeiten, die den Virus betreffen. Eine Politikerin, die dann auch mal offen sagt, ich stehe ehrlich gesagt mit leeren Händen da, aber ich versuche mein Bestes, fände ich sehr sympathisch. Die würde ich sofort wählen!

Eine solche Ehrlichkeit vertragen aber nicht alle Leute.
Wahrscheinlich, ja.

Wie empfinden Sie gerade die Stimmung im Ensemble? Es wird viel geprobt, aber es kommt nichts zur Aufführung.
Ja, wir proben ein Stück nach dem anderen, mit Maske und Abstand, aber dann kommt das erstmal in die Mottenkiste. Aber das gehört ja auch zu unserem Beruf, dass wir gewisse Dinge immer wieder auffrischen müssen. Das ist nicht das Problem. Das Problem ist, dass wir unsere Zuschauer vermissen und die Zuschauer uns. Insofern hoffen wir alle, dass wir uns bald wieder im Theater sehen können.

Die Premiere am 22. Januar um 19 Uhr ist ausverkauft. Weitere Termine auf www.residenztheater.de

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