Neues Theater in Sendling: ‘Alle brennen doch darauf!’

Oben, bei der Sendlinger Kirche liegt der Stemmerhof, der bereits ein kleines Ortszentrum neben dem Harras geworden ist – mit Läden, Praxen, Restaurant und Café. Jetzt wagen zwei Theatermacher mit langer Erfahrung etwas: Hier wird ab Herbst ein neues Theater seine Saison eröffnen, das Hoftheater.

In Corona-Zeiten gründen Münchner ein neues Theater

AZ: Frau von Zastrow, Herr Zimmermann, Kinosterben, Theatersterben, Soloselbstständige in Not. Und Sie gründen in diesen Corona-Zeiten ein neues Theater in München?
IRIS VON ZASTROW: Jetzt haben wir lange genug gelitten. Und Menschen in der Kultur sollten ja leidenschaftsgetrieben sein. Nach fast 20 Jahren, vielleicht 2.500 Aufführungen unserer Tourneetheaterkompagnie mit 70 Produktionen für Gastspiele und vielen Koproduktionen gründen wir noch eine eigene Bühne.

“Die volle Miete werden wir erst ab September zahlen”

Aber es gibt doch kein ungünstigeres Jahr als dieses!
Das würde ich so gar nicht sagen. Wir haben ja ein riesiges Netzwerk an Schauspielern, Künstlern, Technikern und Werkstätten.
STEFAN ZIMMERMANN: Natürlich haben wir unsere gesamte Arbeit für viele Monate einstellen müssen. Aber es gab eben auch Hilfen und Förderungen. Und jetzt, bei unserem Hoftheater, haben wir großartige Vermieter, denen der Stemmerhof gehört. Die hätten das Ganze auch stärker kommerzialisieren können. Aber sie wollen auch Kultur und ein Theater da haben. Alles war auch ausgeschrieben, wozu sich auch mehrere Bewerber gemeldet haben.
ZASTROW: Wir haben unser Konzept vorgelegt, das ihnen gefallen hat, weil es durchgehend ein Programm mit verlässlichem Niveau verspricht. Jetzt bauen die vom Stemmerhof erst einmal grundsätzlich für uns um. Dann stecken wir noch Geld rein und haben schon mal erste Betriebskosten. Aber die volle Miete werden wir erst ab September zahlen, nämlich dann, wenn die neue Spielzeit startet. Und dann gibt es auch bayerischen Förderungen wie die Spielstättenförderung oder vom Bund “Neustart Kultur”. Wirtschaftlich haben wir – nach diesen Coronazeiten – keine große Angst mehr. Man kann nach so einer Krise sagen: Ach, alles verloren, die Kultur ist tot und ob das Publikum nochmal motivierbar ist? Ich sage das Gegenteil: Alle brennen darauf, dass wieder live was läuft.

Die Stücke, die Ihre Firma A.gon auf Tournee schickt, sind aber für große Stadttheater konzipiert. Das Hoftheater soll “nur” 99 Plätze haben.
ZIMMERMANN: Natürlich werden wir so ein großes Stück wie unser David-Bowie-Musical “Lazarus” da nicht spielen. Aber in unserem Programm sind eben auch Kammerstücke dabei. Und wenn es künstlerisch gut ist, können wir auch große Inszenierungen runterbrechen, ein kleineres Bühnenbild bauen.

Das Hoftheater als “ein eigenes kleines Stadttheater”

Und das Publikum?
Sendling, daneben das Westparkviertel, Untersendling, dann rüber zur Schwanthalerhöhe: Das alles hat selbst die Größe einer ganzen Stadt. Und weil wir seit 15 Jahren unser Büro oben in der Plinganserstraße haben, kennen wir das ganze Umfeld. Es ist eben noch gut gemischt, auch mit vielen jungen Familien. Das Hoftheater wird da ein eigenes kleines Stadttheater.

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Der Stemmerhof ist bereits eine Art kleines Kulturzentrum mit Kulinarik.
ZASTROW: Ja, mit Biomarkt, Therapiebetrieben und die Besitzer wollen da auch noch eine Kita integrieren. Sie hatten auch schon ein kleines Theater, das vom Verein Ars Musica betrieben wurde. Das wird jetzt deutlich vergrößert und erweitert. Wir werden da ein durchgängiges Programm machen, auch teilweise tagsüber für Kinder und Jugendliche, Kitas und Schulen. Das Wunderbare ist ja, dass man da auch was essen und trinken kann. Und die vordere Bestuhlung ist rausnehmbar. Wir wollen erreichen, dass die Leute nach einer Vorstellung noch bleiben und sich austauschen.

Münchner Theaterkompagnie möchte Wohlwollen der Stadt für Kulturprojekt

Und was erwarten Sie sich von der Stadt München?
Jeder denkt natürlich: Geld! Aber das ist es gar nicht. Wichtiger ist erst einmal, dass wir für das neue Nutzungskonzept schnell Unterstützung bekommen zum Beispiel bei der Parkplatzablöse, weil wir ja größer werden. Die feuerpolizeiliche Genehmigung ist wohl kein Problem.
ZIMMERMANN: Ob wir dann, wenn’s läuft, auch noch Förderung bekommen, das kann sich die Stadt dann noch später überlegen. Jetzt wollen wir kein Geld von der Stadt, sondern Wohlwollen für so ein Kulturprojekt, so dass wir seitens der Stadt keine Knüppel in den Weg gelegt bekommen.

Erstes Stück auf der Bühne: “Ein Kuss”

Sie wollen mit einem unbekannten Einmann-Stück starten: “Ein Kuss”.
Ja, das ist Off-Broadway von Mario Perrotta und hat in New York den Preis als bestes internationales Solostück-Programm bekommen. Wir selbst haben es bei einem Festival in der Schweiz entdeckt. Ich war so begeistert, dass ich mir die Rechte gesichert habe für Deutschland und Österreich bis Ende 2022. Und jetzt passt es auch noch unwahrscheinlich gut in unsere Zeit, weil es auch um Therapie und Nähebedürfnis geht. Ich habe nichts gegen Boulevardstücke, Theater muss unterhalten und spannend sein, aber ich möchte nicht für ein paar dumme Witze ins Theater gehen.
ZASTROW: Es geht eben auch um Reibung und Reflexion. Und bei “Der Kuss” geht es eben um einen Maler, der sich auch durch Zeichen ausdrückt. Dazu hat der Schauspieler auch lange Zeichenunterricht genommen…

Gibt es in der Münchner Theaterlandschaft nicht Nervosität und Konkurrenzangst?
Mit kommunalen Strukturen sind wir als Tourneetheater seit fast 20 Jahren vertraut. Auch mit Konkurrenz.

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