Neujahrskonzert: Die Zeichen verkannt

“Because it’s 2015”, antwortete der kanadische Ministerpräsident Justin Trudeau auf die Frage, wieso sein Kabinett zur Hälfte mit Frauen besetzt sei. Dann zuckte er ganz lässig mit den Achseln, weil die Frage ja wirklich ein wenig dämlich ist.

Seitdem sind weitere fünf Jahre vergangen. Im kommenden Sommer eröffnet Oksana Lyniv die Bayreuther Festspiele mit dem “Fliegenden Holländer”. Joana Mallwitz dirigiert im zweiten Jahr “Così fan tutte” bei den Salzburger Festspielen. Verschiedene Damen haben Termine des verstorbenen Mariss Jansons übernommen, dessen “Cup of Tea” Dirigentinnen bekanntlich nicht waren. Auch die als konservativ gescholtenen Münchner Philharmoniker haben sich wiederholt von Frauen musikalisch verführen lassen, zuletzt von Karina Canellakis.

Riccardo Muti am Pult der Wiener Philharmoniker

Und wer dirigiert das Neujahrskonzert des Herrenclubs aus Musikern des Orchesters der Wiener Staatsoper, der erst seit 1997 auch Damen aufnimmt? Riccardo Muti steht am 1. Januar pünktlich um 11.15 Uhr am Pult der Wiener Philharmoniker im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins und lässt sich dabei vom ORF in mehr als 90 Länder übertragen. Es ist das bereits sechste Neujahrskonzert des 79-jährigen Italieners.

Das passt, denn das Neujahrskonzert ist und bleibt die konservativste Veranstaltung in der ohnehin konservativen Klassik-Welt. Die strenge Teststrategie und die FFP2-Masken abseits der Bühne sind Veränderung genug. Alles weitere wäre ein Eingeständnis einer Verunsicherung. Krisen überschminkt das Konzert seit seiner Premiere Anno 1939, als es zur kollektiven Stimmungsaufhellung als Benefiz für das großdeutsche “Kriegswinterhilfswerk” erfunden wurde.

Selbst das Neue ist bei diesem Konzert traditionell. Heuer ergänzen Carl Zellers “Grubenlichter”, die Polka “In Saus und Braus” von Carl Millöcker und die “Bad’ner Mad’ln” von Karl Komzák den Neujahrs-Vormittag, der wie üblich mit dem Walzer “An der schönen blauen Donau” und dem Radetzky-Marsch zu Ende geht.

Letzterer erklingt wie üblich nicht im beschwingten Original von Johann Strauß Senior, sondern in der Tschingderassabum-Bearbeitung eines obskuren Leopold Weninger, der in einer eisernen Zeit von 1914 das martialische Getrommel am Anfang hinzugefügt hat. Dazu und zur unerfreulichen Karriere Weningers kann sich der Interessierte alles Nötige ergoogeln, wenn er sich den Spaß verderben lassen will. Das wollen wir hier natürlich nicht.

Kein Saal-Publikum beim Neujahrskonzert

Es ist schlimm genug, dass heuer mangels Saal-Publikum das Mitklatschen entfallen und durch ein “interaktives Applaus-Projekt” mit Zuschauern aus aller Welt ersetzt werden muss. Sonst darf man keineswegs an etwas so Bewährtem rühren. Denn das Neujahrskonzert mögen weltweit 50 Millionen Menschen, und es spült verlässlich eine Menge Geld in die Kasse fest angestellter Musiker, während es Freiberuflern in dieser Branche seit März weniger gut geht.

Bei der Pressekonferenz vor dem Konzert blieb das nicht unerwähnt. Die Pandemie habe die weltweite Community der klassischen Musik in eine völlig unerwartete Krise gestürzt, sagte Stefan Pauly, der Intendant des Wiener Musikvereins. “Die Schäden – die persönlichen und die der Institutionen – sind enorm und die Livemusik wird schmerzlich vermisst.” Daher sei das Neujahrskonzert auch ein Signal der Hoffnung, “dass bald alle Musiker überall wieder spielen können”, so Pauly.

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Riccardo Muti ergänzte den Gemeinplatz, die Musik der Walzer-Dynastie Strauß bringe Freude, Nostalgie, aber auch Traurigkeit zum Ausdruck und sei vor allem ein Geschenk für die Zuhörer. Weil Nörgler traditionell mutmaßen, der Dirigent werde beim Neujahrskonzert mehr als Salatgarnitur zum Blumenschmuck im Goldenen Saal engagiert, beteuerte er, dass das Konzert “nicht einfach” sei. Denn es gehe darum, eine Mischung aus den Ideen des Dirigenten und der dem Orchester innewohnenden Tradition herzustellen.

Ist das nicht in jedem Konzert auf der ganzen Welt so? Wir ziehen die Frage zurück. Weil wir demnächst 2021 schreiben, ist es uns außerdem fast peinlich, eine Bitte hinzuzufügen. Könnten die Wiener Philharmoniker nicht wenigstens für 2022 eine Frau dirigieren lassen und nicht schon wieder einen der unvermeidlichen älteren Herrn?

Das wäre doch mal was, wenn sich die doppeltbegabte Dirigentin und Sängerin Barbara Hannigan plötzlich umdrehen würde, um selbst das Sopransolo im Frühlingsstimmenwalzer zu singen. Muti mag ja alles mögliche können, aber das schafft er dann doch nicht.

Übertragung an Neujahr ab 11.15 Uhr im ZDF und im ORF

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