‘Vergeltung’: Die Mär von der ‘Wunderwaffe’

Eigentlich ist der November in München ein Pflichttermin für den britischen Autor Robert Harris. Mit der Präzision eines Uhrwerkes stellt er hier alljährlich seinen neuen Roman vor, schließlich hat er eine ganz besondere Beziehung zur Stadt, besser gesagt zu ihrer unrühmlichen Vergangenheit als “Haupstadt der Bewegung”.

Seit seinem Debüt und Welterfolg “Vaterland” (1992) kommt er immer wieder auf die Nazizeit zurück, zuletzt im Roman “München” (2017), der sich mit dem Münchner Abkommen von 1938 befasst. Und nur Harris gelingt es, auch aus solchen Stoffen einen packenden Geschichtsthriller zu machen. Kein Wunder, dass Netflix vergangene Woche bekanntgab, “München” bald in Starbesetzung zu verfilmen.

In seinem neuen Roman “Vergeltung” stellt Harris nun die Raketenforschung und die von den Nazis als “Wunderwaffe” bezeichnete V2 in den Mittelpunkt. Und wie immer geben sich hier die realen historischen Figuren wie Wernher von Braun und die fiktiven Harris-Charaktere wie Rudi Graf, enger Freund und Mitarbeiter von Braun, die Klinke in die Hand.

Harris treibt die Geschichte voran, indem er aus zwei Perspektiven erzählt, aus der von Graf und aus der von Kay Caton-Walsh, einer fiktiven Militärfreiwillgen, die gleich zu Beginn des Buches den Einschlag einer V2 Rakete in London mit nur leichten Verletzungen übersteht. Er habe dieses Buch zwischen März und Juli während des Lockdowns verfasst, schreibt Harris im Nachwort. Denn der 63-jährige ehemalige Journalist folgte schon immer dem Motto: “Lange recherchieren, aber schnell schreiben.”

Die Story läuft gewissermaßen auf ein Fernduell hinaus: Während Graf aus einem Wald bei Scheveningen an der holländischen Küste im Winter 1944 den V2-Beschuss Londons leitet, versucht Kay Caton-Walsh als Teil eines Teams vom belgischen Mecheln aus mit Hilfe von Radardaten und Flugkurvenberechnungen den genauen Standort der V2-Abschussrampen zu ermitteln. Dann endlich hätten die britischen Bomber die Daten, um dem tödlichen Spuk – rund 2700 Briten starben durch die etwa 1000 V2-Raketen auf London – endlich ein Ende zu machen.

In Rückblenden beschreibt Harris, wie Graf schon als Jugendlicher mit Wernher von Braun zusammen experimentierte, einen Raketenclub gründete – und wie der ebenso charismatische wie opportunistische von Braun schließlich den Pakt mit dem Teufel einging: Für den Traum, das Weltall zu erobern, ließen er und seine Forscherfreunde sich auch auf die Nazis ein, die schier unbegrenzte Mittel zur Verfügung stellten, in der irren Hoffnung, sich einen entscheidenden militärischen Vorteil zu verschaffen. So entstanden die gigantische Heeresversuchsanstalt in Peenemünde und – nach deren Bombardierung durch die Briten – die unterirdischen Produktionstätten im Harz. Rund 20 000 Zwangsarbeiter sollen beim Bau der V2-Raketen gestorben sein.

 

Dieser gigantische Aufwand gilt Militärhistorikern als historisch nutzlose Verschwendung von Ressourcen. Die Kriegswirkung der V2 war zwar mörderisch, dennoch allenfalls symbolisch: “Sie ließ einen darüber nachgrübeln, was Hitler sonst noch im Ärmel hatte”, schreibt Harris. Als die SS immer stärker auf den Zugriff zum V2-Projekt drängt, wird auch die Luft für Wernher von Braun und sein Team dünner. Viel zu häufig haben sie schon den Eindruck erweckt, dass sie den Krieg ohnehin als verloren ansehen und lieber schon für die Zeit danach planen. Im März 1944 werden sie verhaftet. Auch Graf wird von der Gestapo abgeholt und als Saboteur und Verräter beschuldigt. Schließlich findet man bei ihm einen Koffer mit den geheimen Unterlagen, die ihm von Braun zur Aufbewahrung mitgegeben hat. Es könnte ja sein, dass sich die Amerikaner für ein Raumfahrtprogramm interessieren.

Robert Harris’ fesselnder Roman endet im September 1945. Wernher von Brauns Forschergeist aber fand über den Umweg des Krieges schließlich mit der Mondlandung 1969 seine Erfüllung.

Robert Harris: “Vergeltung” (Heyne, 368 Seiten, 22 Euro). Der Autor stellt seinen Roman am Montag, 16. November, um 19 Uhr auf der virtuellen Münchner Bücherschau vor – kostenlose Registrierung notwendig, mehr Infos unter www.muenchner-buecherschau.de

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