"Würde gerne glauben, dass nach dem Tod noch etwas kommt"

Auf ihrem neuen Album besingt die Wahlhamburgerin persönliche Themen – auch im t-online-Interview gibt sie Einblicke in ihr Gefühlsleben, spricht über Ängste, Alkoholkonsum und ihre Beziehung in getrennten Wohnungen in Corona-Zeiten.

Dass Ina Müller und ihr 16 Jahre jüngerer Partner, der Sänger Johannes Oerding, in unterschiedlichen Wohnungen in Hamburg leben, ist kein Geheimnis. Ob das im Lockdown von Vorteil ist oder eher unpraktisch, darüber spricht die Musikerin im Interview mit t-online. Außerdem erklärt sie, ob sie sich so alt fühlt wie sie ist, und spricht über die nicht vorhandene Angst vor dem Tod, aber ein Unwohlsein beim Thema Organspende. 

Ina Müller ist im Juli 55 Jahre alt geworden, am 20. November 2020 erscheint nun ihr neues Album mit dem Titel “55”. Fans fällt auf, dass diese Platte nicht die erste ist, die nach einem Alter betitelt ist – “Weiblich, ledig, 40”, dann “48” und nun also “55”.

Ina Müller: Das Alter ist dabei zweitrangig. Ein Album kommt immer dann, wenn Ideen da sind. Das hat diesmal vier Jahre gedauert, davor waren nur zwei Jahre zwischen den Alben. Wenn ich gute Ideen habe, achte ich darauf, in welchem Alter ich gerade bin und ob ich das formschön finde oder nicht. Ich fand zum Beispiel die 48 schön, die sah irgendwie gut aus. Die 55 ist auch eine tolle Zahl.

Die Jahreszahl wird immer ein bisschen überschätzt. Es fing eigentlich damit an, dass Adele ihr Album “19” genannt hat und ich mir dachte: Mann, bist du jung, hier ist die 48, nimm das! Eigentlich sagen Zahlen aber auch alles und nichts. Ich habe es halt 55 Jahre lang geschafft, am Leben zu bleiben, das wars.

(Quelle: Columbia Local/Sony Music)

Ist 55 ein gutes Alter?

Bis jetzt ja. Ich bin nicht der Meinung, dass 50 das neue 30 ist. Das ist echt nicht so. 55 ist schon 55. So fühle ich mich auch und so sehe ich auch aus. Mir ist es wichtig, dass ich das Ganze in Würde vor der Kamera hinter mich bringen kann. Es ist ein schönes Alter, aber ich fühle mich eben auch nicht wie 30.

Ein Song auf Ihrem Album heißt “Wenn der liebe Gott will” – gehen Sie in die Kirche?

Ich bin seit vielen Jahren nicht mehr in der Kirche. Ich gehe nicht zu Gottesdiensten, aber ich besuche in fremden Städten gerne Kirchen. Ich laufe auch oft über Friedhöfe. In Hamburg gehe ich auch häufig in die Kirche, schalte mein Handy aus, setzte mich hin und halte da ein Zweigespräch. Wenn ich da sitze, weiß ich aber auch nicht genau, mit wem ich da spreche. 

Würden Sie sich als gläubig bezeichnen? 

Ich würde mich schon als gläubig bezeichnen, denn ich denke, dass es irgendetwas gibt, daran glaube ich. Aber ich würde jetzt nicht sagen: Ich glaube an den lieben Gott mit weißem Bart. Das ist nicht die Geschichte, an die ich glaube. Aber dass es irgendeine Materie gibt, dafür könnte ich mich schon erwärmen. Manchmal schicke ich auch Stoßgebete los und bitte für irgendwas. Da muss man sich auch eingestehen, dass einem das Halt gibt.

Ich bin oft neidisch auf Menschen, die einen tiefen Glauben haben. Aber mit dem Glauben ist es wie mit dem Verliebtsein: Das kann man sich nicht vornehmen. Ich glaube zum Beispiel auch nicht an ein Leben nach dem Tod. Ich glaube, es ist unglaublich profan, wenn wir sterben.

Haben Sie Angst vor dem Tod?

Nein, ich spreche auch gerne darüber. Jeder geht anders damit um, aber mich fasziniert das Thema. Natürlich würde ich gerne glauben, dass nach dem Tod noch etwas kommt, dass dieses Leben vielleicht nur eine erbärmliche Vorstufe ist und danach etwas Neues, noch Tolleres kommt. Das würde das Sterben viel einfacher machen. Im Sterben zu liegen und zu denken, das war es jetzt, muss hart sein. Ich habe es deswegen auch bis jetzt noch nicht geschafft, einen Organspendeausweis zu unterschreiben. Er liegt hier, ich habe mich damit auch schon viel beschäftigt, aber diese Vorstellung, sterben zu müssen und dann noch zu wissen, dass einem direkt danach die Organe rausgenommen werden, fällt mir bis heute echt schwer. Ich würde mir wünschen, mir nicht mehr so viele Gedanken darüber machen zu müssen.

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Wie bewerten Sie die aktuelle Corona-Situation? Besonders die Kultur leidet ja sehr.

Man kann im Moment durch Corona nicht auftreten, und es kann auch keiner sagen: Mach die Arena voll und los geht’s. Es gibt noch kein Konzept, wie das irgendwann mal aussehen kann, sodass es auch Spaß macht. Es gibt leider auch keine Idee, wie man Menschen wieder ins Theater bringen kann und man nicht das Gefühl hat, man ist auf einer Veranstaltung, auf der man nicht sein möchte, weil es zu leer und ohne Stimmung ist.

Vielleicht muss an einem ganz neuen System gearbeitet werden, damit wir wieder ins Theater gehen können. Ich verstehe allerdings, dass es im Moment nicht geht. Die Nachricht vom Impfstoff hat mir zwar etwas den Stein von der Seele genommen, aber finanziell ist unserer ganzen Branche und auch meinem Team damit noch nicht geholfen.

Um wen geht es dabei?

Wenn wir auf Tour sind, dann sind wir 54 Leute. Davon sind 50 Leute jetzt arbeitslos. Das ist echt eine Masse. Und es trifft ja in einer Partnerschaft oft nicht nur den Einen. Bei mir sind viele Pärchen im Team. Die lernen sich teilweise auf der Tour kennen und kommen dann zusammen. Die haben dann beide keine Arbeit, das ist wirklich hart. Ich kenne Leute, die haben seitdem es Corona gibt, noch keinen Cent bekommen. Das ist auch von Bundesland zu Bundesland verschieden.

Es ist doch so: Wir haben ein Virus, das wir nicht genau kennen. Wir müssen die Füße im Moment stillhalten, müssen Hände waschen, Maske tragen und abwarten. Das machen wir auch alle. Aber: Die Regierung muss die Kulturschaffenden jetzt unterstützen!

Wie stark sind Sie persönlich von der Krise betroffen?

Ich habe genau zum ersten Lockdown damit angefangen, an meinem neuen Album zu arbeiten. Ich saß mit meinem Produzenten im Studio, schön mit Abstand. Das war für uns ganz okay. Es mussten lediglich die Musiker einzeln ins Studio kommen. Das war aber alles kein Problem. Eigentlich muss ich sagen, hat uns die Ruhe des Lockdowns sogar geholfen. Keiner war abgelenkt. Keiner musste nach Hause, und egal, ob Omas Geburtstag oder der 40. eines Kumpels – gefeiert werden durfte auch nicht. Die Tour haben wir von 2021 auf Anfang 2022 verschoben. Mein Gefühl hat mir früh gesagt, erst dann haben wir eine reelle Chance.

In Action. Normalerweise heizt Ina Müller von der Bühne aus Tausenden Fans ein. (Quelle: imago images / Andreas Weihs)

Leidet eigentlich Ihre Beziehung mit Johannes Oerding unter der Corona-Krise?

Nein, jeder hat seine eigene Wohnung. Dadurch können wir uns sehen, wenn wir wollen, und nicht sehen, wenn wir nicht wollen. Während des ersten Lockdowns war es sehr angenehm, dass sich jeder mal in seine Wohnung zurückziehen konnte. So wird es vermutlich während des zweiten Lockdowns auch wieder sein.

Wie kam es zu dieser Lebenssituation?

Ich habe schon vor vielen Jahren festgestellt, dass es der Liebe guttut, wenn jeder seine eigene Wohnung behält. Und das am besten in der gleichen Stadt. Das ist einfach die entspannteste Art zu leben, ob Lockdown oder nicht.

Eine letzte Frage: Trinken Sie eigentlich in jeder Folge Ihrer wöchentlichen Late-Night-Show “Inas Nacht” Alkohol?

Sagen wir es mal so: Es gab noch keine “Inas Nacht”-Sendung, in der ich gar keinen Alkohol getrunken habe. Die Menge ist nur unterschiedlich. Manchmal trinke ich aber auch nur alkoholfreies Bier und denke mir dann am Schluss der Sendung, jetzt trinken wir noch einen zusammen.  

“Inas Nacht”: Für Late-Night-Show lädt sie als Moderatorin seit 2007 in die Kneipe “Zum Schellfischposten” in Hamburg-Altona ein. (Quelle: NDR/Agentur Serviceplan/Sandra Ludewig/Morris Mac Matzen (Montage))

Vertragen Sie so viel Alkohol?

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Ich vertrage sehr viel, aber vor allem mache ich durch Alkohol keine Wesensveränderung durch. Manche sind angetrunken lustiger, andere entwickeln sich durch Alkohol eher negativ. Ich scheine eine gute Verklappungsanlage in mir zu haben.

Vielen Dank für das Gespräch.

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