GNTM Folge 10: Wenn deine Spezies überlebt, dann klatsch zwei Mal!

GNTM Folge 10: Wenn deine Spezies überlebt, dann klatsch zwei Mal!

von Claudia Spitzkowski

Wut, Euphorie und Trauer waren die drei Emotionen, die in Folge 10 von GNTM 2021 eine Schlüsselrolle spielen sollten. Also, ich weiß nicht, wie es Euch ging, aber gefühlstechnisch war bei mir was ganz anderes los. Ich kaufe im Spätkauf an der Ecke drei „Fs“ für Fassungslosigkeit, Fremdschämen und Fluchtinstinkt. Bereit für meine zehnte GNTM-Kolumne? Der Dresscode diese Woche ist „Schwarz“, der Humor ist etwas speziell und wer braucht schon Augenbrauen im „Berghain“?

Bei diesem GNTM-Meeting wäre ich so gerne dabei gewesen

Ich versuche mir die ganze Zeit den Moment im GNTM-Planungsmeeting irgendwann letztes Jahr vorzustellen, als Heidi Klum vor versammelter Mannschaft mit der Idee herausplatzte, dass sie Otto als Gast-Juror einladen möchte. Gab es zunächst betretenes Schweigen? Dann verwirrte Blicke, die getauscht wurden? Wer sagt es ihr? Halloooo, warum sagt denn keiner was? Boah, ich trau’ mich nicht, hoffentlich übernimmt jemand anderes aus der Runde diesen schmutzigen Job. Niemand? Niemand! Hilfe!

Nichts gegen Otto Waalkes – einer der größten deutschen Komiker – und zwar lange bevor es neudeutsch „Comedian“ hieß. Doch in diesem Satz verbergen sich direkt die drei Grundprobleme seiner Wahl als Gast-Juror: Otto ist Komiker. Otto ist mit seinen 72 Jahren alterstechnisch schon etwas, nun, sagen wir mal …rüstig. Otto kennt sich zwar mit attraktiven jüngeren Frauen aus (siehe seine Ex-Frauen), ist aber nicht unbedingt bekannt für seine Kernkompetenz, was das knallharte Model-Business angeht

„Aber Otto ist doch soooo lustig! Also, ich hab immer so über den gelacht“, hat Heidi vermutlich in besagtem Meeting gequiekt, hat in die Hände geklatscht und ist mit einem lauten „Jodeladihü“ im berühmten Otto-Walk abgegangen. Der Rest ist Geschichte …

„GNTM und Otto? Passt doch gar nicht zusammen?“ Die einen sagen so, die ANDERE so …

Und so finden wir uns Monate nach diesem Meeting in der Kulisse eines „Spätis“, wo die Meeedchen ihr Schauspieltalent unter Beweis stellen sollen. Wahlweise sollen sie „Euphorie“, „Wut“ oder „Trauer“ rüberbringen. Konsequent unterbrochen von Ottos sehr speziellem Humor, der wohl selten so …. ich nenne es mal diplomatisch „nostalgisch“ … wirkte wie im direkten Zusammenspiel mit den jungen Models. „GNTM und Otto? Passt doch gar nicht zusammen?“, wundert sich Elisa und selten wurden weise Worte so gelassen ausgesprochen – und blieben trotzdem so ungehört. Ja, Heidi, ich gucke DICH an!

Während die Model-Mama im Späti vor lauter Glückseligkeit über ihren Casting-Coup abgeht wie ein Zäpfchen, versteinert neben ihr Fotograf und Filmemacher Reza Norifahrani, der dafür abgestellt ist, die Schauspielkunst der Meeedchen und Ottos Friesenjung-Blödelei auf Bewegtbild zu bannen, immer mehr. Wen wundert’s: Der Mann dreht sonst kunstvolle Videos für Chanel und Gucci. Mit etwas Glück fand Otto in seinem Kosmos bis zu diesem schicksalhaften Moment im Spätkauf niemals statt.

Würde ich nicht diese Kolumne schreiben, hätte ich die nun folgenden Szenen einfach weg gezappt und mir eine schöne Einrichtungssendung bei der Konkurrenz oder irgendwas mit kleinen Hunden oder Katzen im Internet angeguckt. Aber ich musste da durch und ich mach es kurz: Es wurde viel und laut geschrien, es war leider meist ziemlich unlustig und körperlich manchmal tatsächlich schwer zu ertragen. Gäbe es für mein XXL-Fremdschämen ein Meme, es wäre Reza in dem Moment, als Dascha angefangen hat, auch noch zu singen. Seine Schreckstarre ob ihrer überenthusiasmierten Performance versuchte er zwar noch einigermaßen diplomatisch zu artikulieren („Das kann auch mal den Rahmen sprengen“), aber in sein Gesicht stand die nackte Angst geschrieben – während Heidi neben ihm zeitgleich vor Glück juchzte und quietschte: „Nööö, ist doch lustig!“

„Ich hatte mega Spaß“, quetschte Reza am Ende tapfer raus. Mindestens so viel wie ich, Reza. Mindestens.

Wer in Berlin angesagt sein will, hat keine Augenbrauen!

Was machst du, wenn du dir im Späti was zum Vorglühen gekauft hast? Party, ist doch klar! Das ist coronabedingt zurzeit natürlich nicht möglich, aber Heidi hat sich nicht lumpen lassen und ihren Meeedchen einen Techno-Club in den Loft-Keller gebaut – sogar mit lebendem DJ. Vermutlich wird sie sich maßlos geärgert haben, dass es keine Techno-Version von „Durch den Monsun“ gibt, denn dann wäre es endlich mal plausibel gewesen, die Musik ihres Gatten bei GNTM einzuschmuggeln. Leider hatten wohl weder Westbam noch Scooter Zeit für einen groovy Remix.

Vor der Party mussten die Meeedchen sich aber noch in echte Berliner Clubber verwandeln lassen. Gebleichte Augenbrauen inklusive. Denn woran erkennt man einen Hauptstadt-Raver sofort? An seinen oder ihren nicht vorhandenen Augenbrauen natürlich! Aha. Haben wir wieder alle was gelernt. Wer allerdings in den Neunzigern jung war, als super dünn gezupfte Brauen der letzte Schrei waren, der wird früher oder später so wie ich zu der bitteren Erkenntnis gekommen sein, dass ein Gesicht ohne nennenswert vorhandenen Augenbrauen IMMER seltsam aussieht. Könnte ich heute in der Zeit zurückreisen, würde ich definitiv im Jahr 1996 vorbeischauen und mir die Pinzette aus der Hand schlagen. Und zwar mit Recht. Wie man nach dem Bleichen eindrucksvoll auch an Heidis Meeedchen sieht.

Ja, liebe Meeedchen, auch auf Schwarz sieht man Flecken!

Zuckersüß übrigens, dass sich Ana auf den wilden Rave vorm Spiegel mit der Hand-Choreo des „Ketchup Songs“ aus dem Jahr 2002 vorbereitet. In meiner Vorstellung sah ich sie schon vorm „Berghain“-DJ-Pult stehen (HÄRTESTE Tür Deutschlands, aber ohne Augenbrauen kommste da locker rein) und fragen: „Haben Sie auch ‘Lambada’?“

Die heutige Gast-Designerin Esther Perbandt hat zwar deutlich sichtbare Augenbrauen, ist aber trotzdem eine echt coole Berliner Pflanze. Für mich DIE große Entdeckung der Designer-Castingshow „Making the Cut“. Da saß übrigens auch Heidi Klum in der Jury. Otto zum Glück nicht. Auch, wenn es sicher schön gewesen wäre, wenn er Gast-Jurorin Naomi Campbell „Ich bin ein Friesenjung, nur ein kleiner Friesenjung“ auf der Klampfe vorgespielt hätte. Wenn Blicke töten könnten … Aber ich schweife ab.

Da mein Universum, genau wie Esthers, komplett schwarz ist, freue ich mich natürlich sehr, dass die Meeedchen bei GNTM ihre Modelle vorführen dürfen. Und direkt eine wichtige Lektion lernen: Ja, auch auf Schwarz sieht man Flecken! Zum Beispiel, wenn man wie Elisa Augenbrauen-Bleichmittel drauf tropft und das Designer-Outfit damit ruiniert. Momente, die schon beim Anschauen im TV wehtun. Und ich dachte, nach den Szenen im Späti könnte mich emotional nichts mehr triggern.

Esther atmet ihren Schmerz tapfer weg und nicht nur Twitter feiert sie dafür. Es gab schon Designerinnen in dieser Staffel, die nur bei einen Augenrollen über ihre Outfits aus dem (Latex-)Hemd gesprungen sind. Aber ich nenne hier keine Namen.

„Wenn deine Spezies überlebt, dann klatsch’ zwei Mal“

Am Ende muss kein Meeedchen gehen, weil Mega-Heidi-Fangirl Romy noch vor dem Otto-Dreh das Handtuch geworfen und GNTM verlassen hat. An Otto lag es aber nicht.

Der unterstützt Heidi bei der Bewertung des finalen Walks tapfer mit kompetenten Aussagen wie „Wow!“ „Die sieht ja ganz anders aus als vorhin“ oder „Toll“ und freut sich vermutlich, in näherer Zukunft keine kreischenden 20-Jährigen mehr um sich haben zu müssen, die seinen Humor einfach nicht verstehen.

„Wenn deine Spezies überlebt, dann klatsch’ zwei Mal“, singt er als Faultier Sid im Animationsfilm „Ice Age“. Irgendwie eine passende Schlussmusik für die heutige Kolumne.

Ich gehe dramatisch in Schwarz gehüllt ab und suche meine Augenbrauen. Irgendwann in den Neunzigern hatte ich sie doch noch …

Quelle: Lesen Sie Vollen Artikel