Thomas Anders: "Wir brauchen einen knallharten Lockdown"

Sänger Thomas Anders blickt mit gemischten Gefühlen auf das letzte Jahr zurück. Mit t-online spricht er über Versäumnisse der Regierung, Impfungen und Corona-Leugner.

“Weil sie mir in unruhigen Zeiten Stärke und Sicherheit vermittelt” – mit dieser Aussage machte Thomas Anders seine Unterstützung für Angela Merkel im Rahmen einer Kampagne zur Bundestagswahl 2017 öffentlich. Worte, auf die der Musiker in Zeiten der Corona-Krise nun mit anderen Augen zurückblickt.

Vor allem in Bezug auf die Künstlerszene, die von den Maßnahmen der Bundesregierung hart getroffen wurde. Warum sich Thomas Anders aktuell trotzdem ein strengeres Vorgehen wünscht, hat er im Interview mit t-online erklärt.

t-online.de: Herr Anders, wie hat sich Ihr Blick auf die Regierung in den letzten Monaten verändert?

Thomas Anders: Die Pandemie hat mir gezeigt, dass in Deutschland zuerst alles totdiskutiert wird, bevor etwas passiert. Unser Bürokratieapparat ist so träge, das verstehe ich einfach nicht. Ich stehe an der Klippe und bin kurz vorm Abrutschen, doch der, der meine Hand greifen könnte, um zu helfen, denkt erstmal darüber nach, was rechtlich passieren könnte, wenn er mich loslässt – das ist doch krank.

Inwieweit waren Sie als Künstler betroffen?

Künstler waren nicht systemrelevant – allein dieses Wort! Grundsätzlich muss jeder Mensch geschützt werden, ist für mich systemrelevant und trägt zum Ganzen bei. Und es ist ja keine kleine Branche, die wir als Künstler haben, das kann man nicht einfach so wegwischen und ein Berufsverbot aussprechen.

Natürlich sagt der Verstand: Wir können nicht auftreten, wir können kein Publikum mit 5.000 Leute bespaßen. Aber wir sollten doch nicht mit unserem Schicksal alleine gelassen werden. Es wurde gesagt, was wir nicht dürfen, aber nicht, was mir machen können, damit es perspektivisch weitergeht. Und das ist ein ganz großes Problem. 

Was waren Ihrer Meinung nach die größten Versäumnisse?

Es geht nicht, dass wir einen Lockdown haben, der im März 2020 anfängt, und erst ein Jahr später passiert zum ersten Mal überhaupt irgendetwas. Bis heute hat sich die Regierung zu sehr gescheut. Wir werden von Quartal zu Quartal vertröstet, ohne einen Lösungsweg gezeigt zu bekommen. Das macht ja auch was mit den Menschen, wir sind alle so müde geworden. 

Was wäre für Sie der bessere Weg gewesen?

Es sollte entschieden werden, dass Bedrohungen gegen unser Land und die jeweiligen Maßnahmen vom Bund aus geregelt werden. Es geht doch nicht, dass eine Ministerpräsidentenkonferenz gemacht wird – und in den Räumen ist noch nicht das Licht aus, da sind noch nicht die Mülleimer geleert, da fängt der erste Ministerpräsident schon an, einen eigenen Weg zu gehen. Was soll das? Das möchte ich nicht für unser Land. Der Bund sollte die Corona-Maßnahmen regeln und nicht die Länder – diese Lehre muss Deutschland aus der Pandemie ziehen.

Was würden Sie sich noch wünschen?

Man muss sich aufs Wesentliche konzentrieren und nicht immer alles tausendmal durchdiskutieren, denn dann ist das Kind in den Brunnen gefallen. Nach den aktuellen Inzidenzzahlen brauchen wir keine Lockerungen, wir brauchen einen knallharten Lockdown. Ich verstehe nicht, warum man jetzt nicht an Ostern schon alles dicht gemacht hat. Ich habe lieber zwei Wochen knallhart Schicht im Schacht, als mich weiter zu quälen. 

Und dann sehen Sie ein Licht am Ende des Tunnels?

Absolut, denn wir haben die Impfungen. Die logistischen Herausforderungen kann ich nachvollziehen. Sowas wie in den USA, sich die Spritze im Drive-in zu holen, ist in Deutschland undenkbar. Dafür gibt es hier zu viele Formulare.

Aber ich verstehe die Diskussion nicht, so strikt nach Gruppen zu impfen. Nicht erst durchdiskutieren, wer an der Reihe ist. Es geht darum, dass wir diese Pandemie so schnell wie möglich hinter uns lassen. Jeder, der die Möglichkeit bekommt, sollte geimpft werden, bevor man den Impfstoff wegschmeißt. Ich bin für jeden dankbar, der geimpft ist, weil er dann nicht mehr infektiös ist. Jetzt gilt es, die Schwächeren zu schützen. 

Was sagen Sie zu Kollegen, wie Xavier Naidoo, Michael Wendler oder zuletzt Nena, die mit ihren öffentlichen Äußerungen zur Corona-Pandemie für Wirbel sorgten?

Wir Künstler stehen im Fokus und das, was wir sagen, wird beäugt. Ich kann Corona-Leugner nicht verstehen – da werde ich aggressiv. Da fühle ich mich auch als Deutscher persönlich beleidigt. Wenn jemand, der sein Leben lang hier gelebt hat, seine Karriere hier gemacht hat und von den Menschen hier getragen wurde, dieses Land plötzlich als ein Verschwörungsland betitelt, was soll das? Wenn euch Deutschland nicht passt, weil ihr findet, eure Freiheit sei eingeschränkt, dann geht. Es läuft hier nicht alles richtig, aber es läuft sehr vieles richtig.

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Wie haben Sie das Jahr privat erlebt?

Als Familie hat es uns sehr gut getan. Ich war ewig nicht mehr so lange am Stück zuhause und habe so intensiv Zeit mit meiner Frau und meinem Sohn verbringen können. Man konnte abschalten, Kraft tanken und hat gelernt, sich an den kleinen Dingen zu erfreuen. Es mag jetzt trivial klingen, aber ich lebe seit zwölf Jahren in meinem Haus und habe zum ersten Mal alle Jahreszeiten dort mitbekommen. Sonst zieht das Jahr an mir vorbei, denn normalerweise spiele ich 75 Shows, reise 400.000 Kilometer um die Welt. Aber auch beruflich war es erfolgreich. Ich habe mit Florian Silbereisen ein Nummer-eins-Album rausgebracht. Insgesamt war es also ein gutes Jahr für mich.

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