"Buying Blind": Die neue RTL-Dokusoap kommt mit einem unnötigen Handicap

Noch eine Hauskauf-Dokusoap? In der Tat gibt es sicher nicht zu wenige Shows, in denen irgendwer irgendwo ein Haus kauft und renoviert. RTL gibt mit „Buying Blind“ dem Ganzen nun einen neuen Dreh, denn die Familien kaufen hier, ohne das Haus vorher gesehen zu haben. Die Show hätte aber auch ohne diesen Kniff funktioniert.

Eine KritikvonChristian Vock

Diese Kritik stellt die Sicht des Autors dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Kaufnebenkosten, Grunderwerbssteuer, Anschlussfinanzierung, Eigenheimzulage, Wohngebäudeversicherung, Auflassungsvormerkung, Bodenrichtwert, Grundbesitzerhaftpflichtversicherung, Instandhaltungsrücklage – wer einmal in seinem Leben ein Haus gekauft hat, wird sich mit Schaudern zurückerinnern, was er alles nicht bedacht hat, als er noch in der alten Mietwohnung von den eigenen vier Wänden geträumt hat.

In der Tat gibt es beim Hauskauf einige Tücken, die man selbst mit bester Vorbereitung nicht immer alle gleich mitdenkt. Es gibt aber auch Leute, die machen sich das Leben beim Hauskauf noch zusätzlich schwer. Zum Beispiel in der neuen RTL-Dokusoap „Buying Blind“. Denn hier verschließen künftige Hausbesitzer im wahrsten Sinne des Wortes die Augen vor all dem, was beim Hauskauf auf sie zukommt – besonders vor dem Haus.

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„Buying Blind“: Vertrauen ist gut, Angucken ist besser

Denn bei „Buying Blind“ kauft eine Familie nicht selbst ein Haus, sondern überlässt die Suche einem externen Team. Zu sehen bekommt sie das Haus erst nach der Unterschrift beim Notar. Oder wie es Off-Sprecher Fabian Körner in Folge eins formuliert: „Jahrelanges Suchen, frustrierende Rückschläge, Hoffnungslosigkeit. Dann wagen vier Familien etwas Unglaubliches: Sie nehmen ihre gesamten Ersparnisse und alles, was die Bank ihnen leiht, und vertrauen ihre Zukunft den ‚Buying Blind‘-Experten an.“

Ganz so unglaublich ist das Unglaubliche dann doch nicht, schließlich ist „Buying Blind“ keine Erfindung von RTL, sondern eine Adaption des gleichnamigen australischen Formats aus dem Jahr 2018. Und die funktioniert so: Eine Familie bekommt für die Suche nach einem Eigenheim ein „Expertenteam“ aus Schreiner, Immobilienmakler und Interior Designerin gestellt. Die drei klappern den Immobilienmarkt ab und melden sich, sobald sie etwas Passendes gefunden haben.

Wenn die Familie an dieser Stelle keine kalten Füße bekommt, geht es zum Notar. Nach der Unterschrift unter den Kaufvertrag darf die Familie das Haus dann zum ersten Mal sehen. Anschließend folgt die Renovierungsphase und am Ende jeder Folge dann die Probe, ob das Ganze denn auch gefällt. Wobei „Probe“ eigentlich das falsche Wort ist, denn gekauft ist ja nun mal gekauft.

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Hauskauf in Deutschland: „Man fühlt sich chancenlos“

So weit das Konzept. Doch weil der Kniff mit dem Blindkauf noch nicht kniffelig genug ist, wird erst einmal die Dramatik der Lage veranschaulicht: „In Deutschland tobt ein harter Kampf ums Eigenheim, Preise für Einfamilienhäuser sind im ersten Halbjahr 2020 um 8,5 Prozent gestiegen. (…) Investoren treiben die Preise weiter in die Höhe, Rekordhoch für Baumaterial, viele können sich kein Eigenheim mehr leisten“, erzählt der Off-Sprecher zu bedrohlicher Musik, als wüsste der Zuschauer nicht um die Lage auf dem Immobilienmarkt.

Die kennt natürlich auch das erste Paar. Julia und Julian wohnen 25 Kilometer nördlich von Mönchengladbach und suchen aus ihrer zu kleinen Wohnung heraus schon seit einiger Zeit erfolglos ein neues Häuschen für sich und ihre Tochter Lina. „Man fühlt sich chancenlos“, erzählt Julian über den Frust bei der Haussuche. Damit die Chancen steigen, legen er und Julia die Suche nun in die Hände von Immobilienmakler Michel Sawall, Schreinermeister Simon Meinberg und Interior Designerin Annekatrin Brehm.

Für ein bisschen Ausschlag in der Dramaturgie-Kurve sorgt dann gleich eine Aktion von Sawall. Erst protokolliert er die Wünsche des Paares, zieht dann ein Musterfoto so einer Immobilie hervor, um es dann vor allen zu zerreißen. Realitätscheck auf der einen, große Augen auf der anderen Seite: „So gern ich euch das geben würde, aber das kriegen wir nicht in dem Budget hin, mit dem wir unterwegs sind“, erklärt der Immobilienmakler.

„Buying Blind“: nett, aber unnötig kompliziert

Also schließt man Kompromisse und los geht die Haussuche. Irgendwann melden die Experten Vollzug und weil Julian und Julia auch bei der Notarin nicht zucken, geht es gemeinsam zum frisch gekauften Haus. Doch da gibt es erstmal lange Gesichter: „Ich finde: eine Katastrophe“, äußert Julia ihren Unmut. Aber dass das Haus noch nicht ihren Wünschen entspricht, ist ja logisch, denn sonst hätte sich die Produktionsfirma ja die Interior Designerin und den Schreinermeister für die Renovierung sparen können.

Und so legen die drei Experten los. Der Schreiner schreinert, die Interior Designerin designt das Interior und der Immobilienmakler, ja, der guckt sich alles an. Und natürlich läuft dabei nicht immer alles rund. Irgendjemand vergisst den Kran für den Stahlträger, die Zeit ist knapp und das Budget klein. Doch schlussendlich haut natürlich alles hin, das Haus ist renoviert und die Familie glücklich. Wir sind ja bei einer Dokusoap – wenn auch bei einer mit einem unnötigen Handicap.

Denn als am Ende die letzte Dekovase eingeräumt ist, fragt man sich, warum man sich das Ganze mit dieser Blindkauf-Nummer selbst schwer gemacht hat. Die Dokusoap wäre kein bisschen weniger spannend, wenn sich die Familien ihre neue Bude vorher mal angeguckt hätten. Noch dazu, weil der eigentliche Teil des Blindkaufs auch relativ schnell erledigt ist. Am Ende geht es also nur darum, wie ein Expertenteam ein Häuschen schick macht. Andere Dokusoaps wie „Fixer Upper“ haben bereits vorgemacht, wie man das gut hinbekommt, ohne dass sich Paare ins Nichts stürzen.

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