Kritik zu "8 Zeugen“ – das Beste aus Wissenschaft und Krimi in einer Serie

„Daran erinnere ich mich ganz genau“ – diesen Satz sollten Sie aus Ihrem Wortschatz streichen. Denn dass und wie Erinnerungen trügen können, zeigte am Mittwochabend einmal mehr die lohnenswerte Vox-Serie „8 Zeugen“. Denn die ist Populärwissenschaftsreihe und spannendes Kriminalkammerspiel in einem.

Eine KritikvonChristian Vock

Diese Kritik stellt die Sicht des Autors dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Wie gut ist eigentlich Ihre Erinnerung? Sehr gut? Ja? Seien Sie sich da mal nicht so sicher. „Jede Erinnerung ist falsch. Wir erleben etwas und schon in den Sekunden danach beginnen sie, sich zu verändern.“ Das sagt Jasmin Braun und die muss es wissen. Sie ist Doktorin der Psychologie mit dem Schwerpunkt Erinnerungsforschung. Gut, Frau Braun gibt es nicht wirklich, aber das macht ihre Aussage nicht falsch.

Denn Dr. Jasmin Braun (Alexandra Maria Lara) ist die Hauptfigur der achtteiligen TV-Reihe „8 Zeugen“, die wiederum von der deutsch-kanadischen Rechtspsychologin Julia Shaw inspiriert wurde – und die gibt es wirklich. Shaw arbeitet als Referentin und Wissenschaftlerin in der Abteilung für Psychologie am UCL (University College London) und verfasste das 2016 erschienene Buch „Das trügerische Gedächtnis – Wie unser Gehirn Erinnerungen fälscht“.

„8 Zeugen“: Wissenschaft vs. Polizei, Theorie vs. Praxis

Und um genau diese Erinnerungsfälschungen geht es in der Miniserie „8 Zeugen“, die am Mittwochabend in kompletter Länge bei Vox zu sehen war und beim Streamingdienst RTL+ abrufbar ist. In „8 Zeugen“ soll Jasmin Braun der Polizei bei einem Entführungsfall helfen. Die kleine Tochter des Berliner Innensenators wurde im Museum gekidnappt. Braun soll nun durch ihre Fähigkeiten in der Erinnerungsforschung die Aussagen der Zeugen bewerten. Zumindest theoretisch.

„Wenn ich Erinnerungen prüfen soll, dann darf ich kein Teil des Gedächtnisses werden. Darum arbeite ich mit Transkripten, nicht mit Menschen“, beschwert sich Braun nämlich gleich zu Beginn, doch die Polizei lässt ihr keine Wahl. Und so muss Braun selbst mit den Zeugen sprechen. „Am Anfang bin ich hergekommen, um die Erinnerungen zu bewerten. Jetzt spreche ich plötzlich mit Zeugen – persönlich! Oder sogar mit Tatbeteiligten.“ Diese Diskrepanz zwischen Wissenschaftlerin und Polizisten, zwischen Theorie und Praxis ist die ganze Serie über spürbar und fügt ihr eine sehr reizvolle Konfliktebene hinzu.

Und so wird Braun nicht nur auf der fachlichen Ebene in den Fall hineingezogen, sondern auch auf einer persönlichen und letztlich auch emotionalen. Und diese verschiedenen Ebenen, um es vorwegzunehmen, sind ein Grund, warum „8 Zeugen“ so hervorragend funktioniert. Denn natürlich zerfließen und kollidieren die Übergänge ein ums andere Mal – nicht umsonst drängt Braun darauf, nicht persönlich mit den Zeugen zu sprechen. Genau hier liegt aber das große Potenzial für Spannung – im doppelten Wortsinn.

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Der zweite Grund, warum „8 Zeugen“ so gut funktioniert, ist das schlechte Standing der Psychologin im Ermittlerkreis. Denn Braun kommt als Expertin von außen, was ohnehin schon für miese Stimmung sorgt. Doch die Psychologin hat in der Vergangenheit auch als Gutachterin vor Gericht gearbeitet und dort mitunter gezeigt, wie Polizisten – ob absichtlich oder unabsichtlich – durch ihre Fragen bei Verhören Aussagen manipulieren.

Grund Nummer drei ist der Kammerspielcharakter der Serie. Braun befragt die Zeugen nacheinander in einem schummrigen Zimmer, das von den Ermittlern abgehört und via Kamera beobachtet wird. Jede Zeugenbefragung führt zu einer Spur, die in der nächsten der knapp 22-minütigen Folgen wieder aufgegriffen und weitergesponnen wird.

„Sagen Sie mir gerade auf Doktorisch, dass ich Bullshit rede?“

Alles in allem ergibt das neben dem psychologischen Aspekt auch immer wieder die klassischen „Whodunit“-Momente, also die Frage: „Wer war’s?“ Während dieser Jagd nach dem Täter, und damit sind wir beim herausragenden Alleinstellungsmerkmal der Serie, taucht der Zuschauer ein in die Welt der Wissenschaft. Wenn etwa Braun zu einer Zeugin Sätze sagt wie: „Ich glaube Ihnen, dass Sie helfen wollen. Aber Sie müssen verstehen, dass Ihre Angaben eingefärbt sind aufgrund des Kausalitätsirrtums. Wissen Sie, unser Gehirn, das ist ständig damit beschäftigt, Verbindungen zu suchen und Erklärungen zu finden für das, was uns passiert. So entstehen beispielsweise auch Dinge wie der 9/11-Mythos. Wenn Leute auf die Uhr sehen, ist es 9:11 Uhr und dann …“ – dann bekommt der Zuschauer immer wieder kleine populärwissenschaftliche Einblicke. Und stellvertretend für die Zuschauerinnen und Zuschauer fragt dann die Zeugin: „Sagen Sie mir gerade auf Doktorisch, dass ich Bullshit rede?“

Das geht natürlich nicht immer gut. Sätze wie „Mir geht es um Ihr Assoziativgedächtnis. Das heißt: Wir müssen versuchen, Ihre Beobachtungen von Einflüssen durch die Entführung zu trennen. Dabei sind die multisensorischen Details entscheidend“ klingen nicht mehr nach einem echten Dialog, sondern nach dem Wunsch, dem Zuschauer Wissenschaft im Wissenschaftsjargon zu vermitteln. Das Drehbuch legt ihr auch mal dusselige Sätze in den Mund wie „Die suchen in erster Linie nach Schuldigen. Die Wissenschaft interessiert sich für die Wirklichkeit“, als sie einer Zeugin die unterschiedliche Herangehensweisen von Polizei und Wissenschaft erklärt.

Aber macht das die Serie weniger spannend? Nein. Ein bisschen holpriger vielleicht, aber es gibt ihr auch eine besondere, eine eigene Note. Den „Dr. House“-Faktor, wenn man so will. „8 Zeugen“ ist damit eine Serie, die in Idee, Aufbau, Dramaturgie und Umsetzung herausragend ist und von ebenso herausragenden Schauspielleistungen gekrönt wird. Egal, ob Alexandra Maria Lara als Dr. Braun, Milena Tscharntke als labile Kellnerin oder Sylvester Groth, der als Psychologieprofessor und Zeuge den Spieß umdreht und seine Kollegin selbst an ihre Grenzen bringt – es passt bei „8 Zeugen“ einfach so vieles so gut zusammen.

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