"Mir blutet das Herz angesichts der monatelangen Schließungen"

Stillstand in Deutschland und das über mindestens vier weitere Wochen. Kanzlerin Merkel und die Ministerpräsidenten haben den Lockdown verlängert. Die Kulturbranche lechzt seit Monaten nach Perspektiven. Vergebens? 

Der erste Lockdown im März 2020 traf die Kulturbranche hart. Museen, Theater, Kinos: Alle Einrichtungen mussten kurzfristig schließen. Ungewissheit machte sich breit. Wann darf der Publikumsverkehr wieder starten, wann fließen gesicherte Einnahmen? Kurzarbeit und Hilfsprogramme der Bundesregierung halfen nur bedingt. Über den Sommer konnte der Betrieb lediglich unter strengen Hygienemaßnahmen und mit geringer Auslastung der Kapazitäten hochgefahren werden. Im November dann: alles wieder dicht.

Das ist nun bereits zwei Monate her und seit diesem Dienstag ist klar: rund einen Monat wird es auch noch so weitergehen. Läuft die Impfkampagne so weiter wie bisher, sind Öffnungen vor dem Sommer weiterhin illusorisch. Die Kulturstaatsministerin Monika Grütters erklärt im Interview mit t-online ihr Bedauern: “Mir selbst blutet das Herz angesichts der monatelangen Schließungen, weil ich weiß, wie dramatisch die Situation der Künstlerinnen und Künstler ist.”

Eine Milliarde Euro sei bereits im ersten Lockdown als “Rettungs- und Zukunftsprogramm Neustart Kultur” beschlossen worden. Dies gelte weiterhin, um “schnell, unbürokratisch und vor allem großzügig zu helfen”, so Grütters. Erklärtes Ziel: Die kulturelle Infrastruktur Deutschlands “umfassend zu erhalten”. Überbrückungshilfen und Unterstützung für Soloselbstständige gibt es dafür obendrauf. Die Kulturpolitikerin der CDU prognostiziert: “Ich bin zuversichtlich, dass wir nun bald auch den kurzfristig Beschäftigten im Kulturbereich, vor allem den Schauspielerinnen und Schauspielern, besser unter die Arme greifen können.”

Prof. Monika Grütters: Seit Dezember 2013 ist sie Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien. (Quelle: imago images / Political-Moments)

In der Kulturbranche ist die Hoffnung vielerorts längst verflogen, doch Monika Grütters sieht Licht am Ende des Lockdown-Tunnels: “Nach den Schließungen werden wir ein großflächiges ‘Zurück zur Kultur’ erleben, da bin ich mir ganz sicher. Denn kein Bildschirmerlebnis ersetzt das Gemeinschaftserlebnis.” Eine ihrer Forderungen in Richtung der Zeit nach dem 14. Februar, an dem nun vorerst der beschlossene bundesweite Corona-Lockdown enden soll, formuliert sie so: “Die Kultureinrichtungen waren die ersten, die geschlossen wurden. Sie dürfen nicht die letzten sein, die wieder öffnen.”

Kultureinrichtungen, allen voran nennt die Politikerin im Gespräch mit t-online “Museen”, würden “einen maßgeblichen Beitrag zur seelischen Gesundung einer tief verstörten und verunsicherten Bevölkerung leisten.” Bei den nächsten Lockerungen der Bundesregierung und der Länder müssen sie laut Grütters “ganz oben auf der Liste stehen.” Kino, Konzert- und Theaterhäuser sowie Museen seien auf einen Corona-gerechten Publikumsverkehr vorbereitet, wissenschaftliche Studien, so die Kulturstaatsministerin, bescheinigen dies. 

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“Kultur ist keine Delikatesse für wenige, sondern Brot für alle”

Wie groß der Schaden in der Kulturbranche ist, lässt sich kaum bemessen. 75 Prozent weniger Besucher als 2019 kamen beispielsweise 2020 ins Kino, erste Lichtspielhäuser wie der kulturträchtige UFA-Palast in Stuttgart haben ihre Pforten bereits für immer geschlossen. Angesichts der weiterhin hohen Infektionszahlen eine doppelt ärgerliche Situation: Offenbar waren die Einrichtungen keine vordergründigen Infektionstreiber der Pandemie – und doch bleibt es bei einem Großteil aller Infektionen nahezu unmöglich zu sagen, woher sie stammen.

Monika Grütters appelliert angesichts dieses Dilemmas: “Auf keinen Fall dürfen Länder und Kommunen ihre Haushalte in den nächsten Jahren zulasten der Kultur sanieren. Das Einsparpotential wäre verschwindend gering, der Schaden für unseren kulturellen Reichtum und für unser Gemeinwesen immens. Denn es gilt nach wie vor: Kultur ist keine Delikatesse für wenige, sondern Brot für alle.”

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