Systemsprenger – Ein Film der Überforderung

"Systemsprenger“: ein spannend irritierender Film über ein unbezähmbares Mädchen. Und Helena Zengel wird demnächst neben Tom Hanks spielen.

Wie kann man diesem Mädchen noch helfen? Benni war schon in Heimen, bei Pflegeeltern, in psychiatrischen Kliniken. Nirgends kann sie bleiben, denn sie wird ständig wütend und gewalttätig, verliert jede Kontrolle, ist eine Gefahr für ihre Umwelt. Dabei ist sie gerade mal neun Jahre alt. Sie ist ein „Systemsprenger“: Das ist der inoffizielle Ausdruck für junge Menschen, bei denen die Kinder- und Jugendhilfe an ihre Grenzen stößt.

Unzählige "Erzieher" scheitern

Benni hat ein frühkindliches Gewalttrauma erlitten, jetzt steckt sie in einem Teufelskreis: Solange sie sich nirgends einlebt, ist sie nicht therapierbar – und sie lebt sich nirgends richtig ein, bevor der nächste Wutausbruch kommt. Benni wechselt die Einrichtungen so schnell, dass sie die Pädagogen und Betreuer nicht mehr beim Namen nennt. Sondern nur noch „Erzieher“.

Dabei meinen es alle gut: die freundliche Frau vom Jugendamt (Gabriela Maria Schmeide), der Leiter der Inobhutnahme (Roland Bonjour), der sie aufnimmt, weil über zwanzig Heime schon abgewunken haben. Auch Bennis Mutter (Lisa Hagmeister) ist kein liebloses Ungeheuer, sondern einfach völlig überfordert, eine gebrochene Frau. „Wenn die Profis noch nicht mal mit ihr klar kommen, wie soll ich das dann schaffen?“, rechtfertigt sie sich.

Der Anti-Gewalttrainer knackt den Panzer

Und doch bleibt sie Bennis Bezugspunkt. In einem der vielen todtraurigen Momente erfährt das Kind am Telefon, dass die Mutter mal wieder nicht zu Besuch kommt – und fragt, ob sie ihr wenigstens ein Lied vorsingen dürfe. Doch die Liebe der Mutter bleibt unerreichbar. Als ein Anti-Gewalttrainer Micha (sehr gut: Albrecht Schuch) Benni bei einem erlebnispädagogischen Aufenthalt im Wald zeigt, was ein Echo ist, schreit sie aus voller Kehle „Mama“. Es folgt nur ein kurzer Widerhall, dann wieder Stille. Aber im Wald bahnt sich leise Hoffnung an. Drei Wochen verbringt sie da mit Micha in einer kargen Hütte ohne Wasser und Strom. Er ist anders als die anderen Erzieher, schroff, nüchtern und direkt. Normalerweise hat er als Anti-Gewalttrainer mit 16-jährigen Jungs zu tun. Aber auch mit Benni kommt er zurecht, er wird für sie zur erträumten Vaterfigur. Doch selbst er, der besonders taffe Typ, stößt an seine Grenzen: Denn als einziger potenzieller Retter verliert er die nötige Distanz.

Af jeden Fortschritt ein Rückschritt

Für das Kind folgt auf jeden Fortschritt ein Rückschritt. Der Film führt ein drastisches Schicksal vor Augen, das gar nicht so selten ist: In der Heimerziehung gelten fünf bis sieben Prozent als „Systemsprenger“, wenngleich die meisten über 13 Jahre sind. Regisseurin Nora Fingscheidt hat unzählige Schicksale recherchiert, nach Angaben eines beratenden Professors für Intensivpädagogik basiert fast jede einzelne Szene des Films auf echtem Geschehen. So ist der Realitätseffekt hoch, und das Schicksal geht dem Zuschauer an die Nieren. Zwischenzeitlich hat der Film Längen, doch in der zweiten Hälfte entwickelt er einen Sog: Diese Benni ist als Kind natürlich Opfer und nicht Täter – aber zugleich ist sie eine Gefahr für andere Kinder, und daraus bezieht „Systemsprenger“ eine beklemmende Spannung. Der Film wurde bei der Berlinale mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet und ist als deutscher Beitrag im Oscar-Rennen.

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