Totgeschwiegen

München (dpa) – Es ist einer dieser Momente, die auf den ersten Blick so unscheinbar wirken, dann aber das ganze Leben verändern. Drei Jugendliche sitzen in einem U-Bahnhof auf einer Bank. Da kommt es zu einem Streit mit einem Obdachlosen, ein Wort gibt das andere und plötzlich eskaliert die Gewalt. Am Ende ist der Mann tot und die Teenager auf der Flucht.

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Was hier geschieht, ist für die Eltern undenkbar. Ihre wohlbehüteten Kinder als Straftäter? So beschließen die Familien die Tat von Mira, Jakob und Fabian zu vertuschen. “Totgeschwiegen” nennt sich das schockierende Drama mit Claudia Michelsen, Godehard Giese, Katharina Marie Schubert und Laura Tonke, das am Montag (21. September/20.15 Uhr) im ZDF läuft, mit anschließender Dokumentation zum Thema Jugendgewalt.

“Totgeschwiegen” ist ein verstörender Film, von Franziska Schlotterer mit einem herausragenden Schauspieler-Ensemble inszeniert. Einfühlsam und eindrücklich lotet sie ein interesssantes Spannungsfeld aus. Auf der einen Seite das moralisch Richtige – die Tat gestehen und die Verantwortung übernehmen. Auf der anderen Seite die Fürsorge für die Kinder, die man als Eltern doch eigentlich immer schützen will.

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Die Familien reagieren erst mit Verweigerung. “Dieser arme Kerl, der hätte sich doch früher oder später totgesoffen. Unsere Kinder haben noch ihr ganzes Leben vor sich”, findet Fabians Mutter Brigitte (Schubert), die sich mit ihrem Mann Volker (Giese) und Miras Mutter Esther (Michelsen) einig ist. Jakobs Mutter Nele (Laura Tonke) hält dagegen, ebenso wie Miras Stiefvater Jean (Mehdi Nebbou): “Eure braven Vorzeigekinder haben jemanden umgebracht, begreift das doch”, schimpft er.

In so einer Lage die Wahrheit zu sagen, das erfordert viel Mut, das wissen auch Schlotterer und Gwendolyn Bellmann, die gemeinsam das Drehbuch geschrieben haben. “Der Gedanke, dass die eigenen Kinder, die man über alles liebt, einen Menschen getötet haben könnten, ist so furchtbar, dass man sich das gar nicht vorstellen mag”, sagt die Regisseurin.

Gleichzeitig sei die Auseinandersetzung mit den Figuren sehr spannend gewesen. “Sie hat uns gezwungen, uns selbst als Eltern den Spiegel vorzuhalten und uns immer wieder zu fragen: Wie würden wir uns verhalten? Diese Frage ist zum Herzstück des Films geworden und wir haben versucht, sie so ehrlich wie möglich zu beantworten.”

Der Film setzt sich eingehend mit dieser Frage auseinander – ohne erhobenen Zeigefinger, sondern einfühlsam und facettenreich. Es ist nicht nur das gelungene Drehbuch, die ausgewogenen und packenden Dialoge. Auch die bravouröse Leistung der Schauspieler sorgt dafür, dass “Totgeschwiegen” unter die Haut geht. Insbesondere die Jugendlichen brillieren, allen voran Flora Li Thiemann als Mira. Beeindruckend meistern sie die schwierige Aufgabe, den Zwiespalt darzustellen, in dem sich die Jugendlichen nach der Tat befinden – zwischen dem Wunsch, sich am liebsten zu verkriechen, und dem Drang, sich endlich die Schuld von der Seele reden zu dürfen.

“Totgeschwiegen” macht deutlich, dass Vertuschen auch nicht der richtige Weg ist. Nicht nur, weil der Riss quer durch die Familien immer größer wird und sich moralische Abgründe auftun. Langsam, aber sicher zerbrechen die Beziehungen, die man doch eigentlich schützen wollte. Doch am meisten leiden die Jugendlichen selbst darunter, dass die Erwachsenen plötzlich so tun, als wäre nichts geschehen. Vor allem Mira und Jakob müssen allein mit ihrer Schuld klarkommen, die sie zu erdrücken droht. Sieht so eine verheißungsvolle Zukunft aus? Wohl eher nicht.

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